Predigt von Bischof Dr. Franz Josef Bode

6. Juli 2021
Bischof Bode hat uns seine Predigt vom vergangenen Patronatssonntag zur Verfügung gestellt. Gerne können sie diese hier nachlesen. Des Weiteren finden Sie in diesem Artikel auch die Bilder der Messfeier.

Predigt von Bischof Dr. Franz-Josef Bode :

Mariä Heimsuchung 2021 in Werl am 4. Juli

Lesungen:       Zef 3,14-18 und Röm 12,9-16b
Evangelium:   Lk 1,39-56

„Atme in uns, Heiliger Geist!“ So lautet das Wallfahrts-Leitwort in diesem Jahr.

Liebe Schwestern und Brüder, der Atem, der Hauch ist eines der vielen Ur-Bilder für den Geist Gottes. Gerade in den vergangenen eineinhalb Jahren haben wir auf neue Weise gespürt, wie lebensnotwendig das Atmen ist. Corona hat vielen den Atem genommen, körperlich und sichtbar bei den Erkrankten, aber auch den vielen anderen, die vor Arbeit außer Atem kamen oder denen der Atem fast stehenblieb angesichts so vieler leidvoller und todbringender Erfahrungen.

Uns stockt der Atem in der rasanten Entwicklung der Welt durch Klimawandel und Pandemie. Wir leiden vermehrt an Atemwegserkrankungen durch Luftverschmutzung und atmen schwer voll Angst und Sorge um die Zukunft der Kirche und des persönlichen Lebens.

 

Wie viel Befreiung bedeutet es da schon, die Maske ablegen zu dürfen und frei zu atmen und zu singen, wenn auch immer noch eingeschränkt durch die Befürchtung, es könnte sich neue Unbill entwickeln. Stichwort: Delta-Mutante des Corona-Virus.

 

Da liegt das Wallfahrtsmotto dieses Jahres gerade richtig, denn der Geist Gottes ist es, der uns einen neuen, freien Atem schenkt, weil er weht wo er will und sich uns als Sturm der Veränderung oder als Hauch der Nähe und Belebung zeigt.

 

Unser heutiges Fest Mariä Heimsuchung, dessen Evangelium zu den kostbarsten Texten der Heiligen Schrift gehört, ist ebenfalls durchweht von der Kraft des Geistes – gerade als neue Be-geisterung und Belebung für unseren Alltag. So atmet nämlich der Geist in uns, wie er auch in Maria durch ihre große Berufung atmet. Der Berufung, Christus zur Welt zu bringen. Das kann für die heutige Kirche doch nur heißen, dass das auch ihr erster und tiefster Auftrag ist und bleibt – auch in all den Desastern der letzten Zeit.

 

Mit dem langen Atem Gottes, der seine Kirche nicht aufgibt, soll sie wie Maria Christus zur Welt bringen und dazu aufbrechen wie Maria, um anderen Menschen beizustehen in ihren verschiedenen Lebenslagen. Denn Maria bleibt nicht bei ihrer hohen Berufung, Gottesmutter zu werden, stehen und ruht sich darauf aus, sondern nimmt das Zeichen des Geistes an und bricht auf, bleibt nicht bei sich selbst und ihren Problemen, bei ihrer Unsicherheit und Aufgeregtheit,     da der Engel, da die guten Geister sie schon wieder verlassen haben. Sie scheut nicht den Weg durch das Bergland – allein und doch nicht allein, da sie Jesus bei sich hat. Sie betritt einen andere Lebenswelt, verwandt und doch auch fremd im Haus des Zacharias.

 

Sie bleibt nicht draußen, schaut nicht nur mal eben vorbei, sondern lässt sich wirklich ein in das Leben des Zacharias, der verstummt ist vor den neuen Zeichen des Heils. Sie lässt sich ein in das Leben der Elisabeth, die so unerwartet schwanger geworden ist. Hier kommt wieder der Geist Gottes ins Spiel. Er bewegt die Kinder in den beiden Frauen und macht dieses Zusammentreffen zu einer wirklich bewegenden und bewegten Begegnung.

 

Elisabeth erkennt in Maria das neue Heil, erkennt das neue Leben, das ihr in der helfenden Geste ihrer Cousine entgegenkommt. Sie erkennt das neue Leben in der guten Hoffnung, die diese beiden Frauen zutiefst verbindet. Ausdruck ihrer Geisterfüllung ist der Segen und das Wahrnehmen und Annehmen der Bewegung, in die der Geist sie führt.

 

Wo Kirche nicht solche bewegende Begegnung lebt und ermöglicht – bewegende Begegnung zwischen allen, die vom Geist durchatmet und begabt sind –, wo sie sich den Lebenswelten der Menschen nicht stellt und ihren Segen aus der Kraft des Geistes nicht allen Menschen zuwendet, die danach suchen, da wird Kirche den Weg in die Zukunft nur schwer oder gar nicht finden, da werden auch die Synodalen Wege hierzulande und auf Weltebene nicht vorangehen. Es muss wieder etwas innerlich ins Hüpfen kommen, in tiefe Bewegung durch die Kraft des Geistes, um nicht mehr aneinander vorbeizuleben und den tiefen Sehnsüchten der Menschen mehr gerecht zu werden: der Sehnsucht nach Angesehen-sein und Wertschätzung, nach Segen und Zuspruch in echter Seel-Sorge; die Sehnsucht nach Begleitung und Beratung, nach lebensdienlicher Hilfe und Aufrichtung; die Sehnsucht nach Zusammenhalt, Frieden, nach Versöhnung mit der Schöpfung und in der Menschheitsfamilie.

 

Dafür werden sehr verschiedene Orte, nicht nur Gemeinden, Begegnungsorte der Pastoral sein.  Auch solche Orte wie dieser Wallfahrtsort Werl gehören in besonderer Weise dazu, wo Menschen selbst die Nähe zum Heiligen bestimmen als Suchende und Ringende oder als im Glauben fest verwurzelte, die in ihrem Herzen viele Menschen mit hierher bringen.

 

Kirche darf sich nicht dem toten Punkt einer resignierenden und selbstbezogenen Ohnmacht überlassen, sondern muss aufbrechen zu neuen Begegnungen, nicht in der Macht der Bemächtigung, sondern in der Macht der Ermächtigung und Ermöglichung neuen Lebens aus der Kraft einer Hoffnung, wie sie diese beiden Frauen prägt.

 

Ich betone: diese Frauen. Ich betone: diese Frauen, damit wir die große Geistkraft durch die Frauen in der Kirche nicht verlieren,   weil wir uns ihr nicht genügend öffnen. Wir müssen sie in der Kirche stärken für alle Dienste und Ämter.

 

Maria wird seliggepriesen wegen ihres Glaubens an die unendliche Liebe Gottes, der es ihr, einem Menschen, ermöglicht, Gott selbst unter uns Mensch werden zu lassen. Diese Möglichkeit hat er seiner Kirche weitergeschenkt in der beständigen Mitwirkung an der Menschwerdung Gottes unter den Menschen und damit auch an der Menschwerdung des Menschen selbst.

 

Der gleiche Geist bewegt Maria zu dem großen Lobgesang des Magnificat, der vom immer größeren Gott eine völlig neue Heilszeit erwartet, in der Hochmütige zerstreut und Mächtige von Thronen gestürzt werden, in der Reiche leer ausgehen und Niedrige erhöht werden, in der Hungernde gesättigt und Unfruchtbare fruchtbar werden. Ein Lied, dass eine tiefste Herausforderung auch für eine Kirche der Mächtigen, Reichen und Hochmütigen ist, für ein Christentum, das sich nicht den Armen, Geringen, an den Rand Geratenen, Erniedrigten und Beleidigten stellt.

 

Ein Lied, dass aber auch eine große Ermutigung ist, den starken Rückenwind und den langen Atem Gottes geschenkt zu bekommen, um zu einer notwendigen Wandlung des Bisherigen und Festgefahrenen aufzubrechen.

 

Jeden Abend betet die Kirche diesen Lobpreis Mariens in ihrem Stundengebet – auf der ganzen Welt also rund um die Uhr. Wie auch immer der Tag war, er endet mit Lobpreis in der Perspektive des Geistes. Das muss doch ein Impuls für die Zukunft sein und uns Halt geben in so unsicheren Zeiten.

 

Und Maria bleibt. Sie sagt nicht nur Hallo, sondern bleibt drei Monate bei Elisabeth, drei wichtige Monate für die beiden Frauen.  Auch die Kirche muss bei den Menschen bleiben und die Menschen in ihrer Vielfalt aushalten, weil Gott uns alle eben aushält im doppelten Sinn von ,aushalten‘: ertragen und freihalten (Klaus Hemmerle).

 

Das ist der Atem des Geistes in uns und unserer Kirche, der uns befähigt für die Zukunft: die Zeichen Gottes erkennen; aufbrechen; zu Hilfe eilen; sich den Hindernissen des „Berglandes“ stellen; eintreten in das Haus, in die Lebenswelt der anderen; bewegende Begegnung ermöglichen aus der Kraft des Geistes; Segen sein für andere; in der Tiefe glauben; Gott loben und preisen für seine umwerfende Weise der Erneuerung; und bleiben, aushalten, langen Atem bewahren und nicht flüchten. Das sind zehn Schritte. Nur mit diesen Schritten wird der Synodale Weg uns in der Kirche weiterführen und werden wir Vertrauen wiedergewinnen

 

All das hat auch Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom unterstrichen

als Atemzüge des Geistes: „Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Bedrängnis, beharrlich im Gebet.“

 

Eine solche Kirche, eine solche Christenheit darf sich auf die Verheißung Gottes freuen, wie sie uns der Prophet Zefania zuspricht: „Lasst die Hände nicht sinken. Der Herr in deiner Mitte erneuert seine Liebe zu dir, du hast kein Unheil mehr zu fürchten.“

 

Liebe Schwestern und Brüder, lasst uns zu Maria und mit Maria unterwegs bleiben, um den Geist Gottes in uns atmen zu lassen zum Segen für alle! Amen.